Skurriles und Kommentare

Anlässlich der Verleihung des „Goldenen Brett vorm Kopf" 2012 von der Gesellschaft für Kritisches Denken an Harald Wallach:

 

Dank sei den Verleihern des goldenen Brettls vorm Kopf!

 

Danke, dass sie, wovon sie offenbar im Überfluss haben, großzügig an jene weitergeben, von denen sie zu recht meinen, dass ihnen dies noch fehle.

Mögen sie doch bis zur nächsten Verleihung in erst einem Jahr die eigenen Ressourcen kreativ und effizient nützen:

Ich schlage den Verleihern des Preises vor, eine wissenschaftlich einwandfreie, randomisierte, placebokontrollierte, Doppelblindstudie durchzuführen mit dem Ziel herauszufinden, ob goldene Bretter vor dem Kopf Stirnhöhlenentzündungen signifikant hintanzuhalten im stande sind. Insbesondere bei jenen, deren Bretter von der Stirn bis über die Augen reichen, wäre die Doppelblindheit schon im Ansatz gegeben, da der eigene vergoldete, hölzerne Latz von den Trägern mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht wahrgenommen wird.

(M)ein Beitrag zur Homöopathiediskussion

 

Kürzlich – am Tag von Hahnemanns Geburt – traf sich neuerlich ein Grüppchen von Homöopathiegegnern am Stephansplatz in Wien um in einem heroischen Selbstversuch durch Einnahme von Höchstdosen einer homöopathischen Hochpotenz zu demonstrieren, dass Homöopathie unwirksam sei.
Gelungen! Niemand starb, niemand vergiftet!

 

Ich schlage den munteren Experimentatoren vor, zu Weihnachten, anlässlich Jesu Geburtstag am Stephansplatz die Bibel zu verspeisen und so zu beweisen, dass sie – abgesehen von Cellulose und Druckerschwärze - inhaltsleer ist und lediglich die Verdauung anregt.
Immerhin!

 

Anregung zur Homöopathiediskussion als Insiderin

Absurde Kritik aus mangelndem Wissen soll nicht heißen, dass es nicht auch auf der Basis von Wissen und Erfahrung interessante Fragen und Ungeklärtes gäbe, dem Homöopathen sich stellen sollten:
Unterschiedliche Schulen der Homöopathie beschreiben und verwenden homöopathische Arzneien oft sehr verschieden. Dass dennoch alle unzweifelhaft erfolgreiche Behandlungen nachweisen können, die jenseits von Placeboeffekten liegen, kann meiner Ansicht nach nur bedeuten, dass das Arzneibild im Wissen und Verständnis des behandelnden Therapeuten mitwirksam ist und nicht lediglich eine „objektive" Arzneiqualität. Diese Erkenntnis müsste in der Ausbildung  (nicht nur von) HomöopathInnen berücksichtigt werden, denn: Glaubenssätze, Erwartungen und Vorstellungen wirken!

Entgegnung anlässlich des medialen Großangriffs auf die Homöopathie im September 2005:

 

Und sie zerkugerlt sich doch! (Oder: Sollte sich nicht auch die Schulmedizin das Kugerl geben?)

 

Seit Wochen betrachte ich mich mit zunehmender Bewunderung im Spiegel ob der offenbar magisch heilsamen Wirkung meiner homöopathischen Gesprächsführung, die ich seit nunmehr 17 Jahren rituell damit abschließe, eine unwirksame weiße Milchzuckerkugel zu verordnen.

 

Ein völlig neues Identitätsgefühl, fast eine Erfahrung von Spaltung, denn die Psychotherapeutin in mir blickt bekümmert zur Homöopathin in mir, die soviel erfolgreicher zu plaudern scheint. Woher hat sie das nur? Neulich rief mich die Mutter einer Dreijährigen an, deren Hausarzt eine eitrige Angina diagnostiziert hatte. In diesem Falle waren es lediglich drei Fragen meinerseits und das Aussprechen des Namens „Mercurius Solubilis D30", die die Angina zum Verschwinden brachten (die rituelle Verabreichung unwirksamer Milchzuckerkügelchen, die ein homöopathischer Apotheker in einer Flüssigkeit gewälzt hatte, aus der wiederum in einem mühseligen „Potenzierungsprozess" zuvor zur Sicherheit jedes Molekül der Substanz „Merucurius Solubilis" entfernt worden war, kann natürlich im Sinne eines Placebo auch beigetragen haben).

 

Sarkasmus beiseite – mein Anliegen ist es, eine andere Ebene in die leidige Diskussion über die Wirksamkeit der Homöopathie zu bringen, - nämlich die Metaebene einer ausreichenden Distanz, aus der für Vertreter sämtlicher Wissenschaften klar sein sollte, dass wir alle immer innerhalb eines Modells denken und argumentieren, - niemand kann für sich einen exklusiven Zugang zu einer äußeren Wirklichkeit beanspruchen, und jeder „state of the art" ist dies innerhalb eines Modells und jeweils meist nur für kurze Dauer.

 

Diese heilsame Distanz geht leicht verloren, wenn man – wie vorzugsweise der Mediziner – niemals dazu ausgebildet wurde, sein Arbeitsmodell philosophisch und wissenschaftstheoretisch zu betrachten. Das Medizinstudium besteht von Anfang an darin zu lernen, „wie es wirklich ist" mit den biochemischen Prozessen in der Maschine Mensch; Gesundheit und Krankheit werden nicht diskutiert, man ist hinein genommen in den Strom eines medizinischen Glaubenssystems, das sich seiner Prämissen und Bedingtheit nicht bewusst ist; der erstaunte Mensch bei Molière, der gewahr wird, dass er sein Leben lang Prosa gesprochen hat ohne es zu merken, ist diesbezüglich schon einen Erkenntnisschritt weiter.

 

Eine fatale Folge dieser mangelnden Reflexion und völligen Identifikation mit einer Methode ist, dass sich der Gläubige angegriffen fühlt, wenn das, was er tut, relativiert wird – und sei es nur durch die bloße Existenz von etwas Anderem.

 

Das führt schnell zu Fanatismus – einer Sonderform der Unintelligenz und Ursprung jedes Reduktionismus. Es wäre alles so wunderbar einfach, hier das Richtige und Gute, und dort das Böse, die Betrüger. Nur leider ist die Welt komplex und insbesondere der Mensch.

Ich habe nichts dagegen, die Dinge etwas zu vereinfachen, zu abstrahieren von gewissen störenden Einflüssen, etwas aus dem Kontext zu lösen um es als Einzelnes besser zu analysieren, es auseinander zu nehmen um Einzelteile zu beleuchten – nur sollte man wissen, dass man dies tut – und es in der Interpretation der dadurch erhaltenen Ergebnisse berücksichtigen.

 

Schulmedizin und schulmedizinische Studien berücksichtigen dies meist nicht.

 

Ein einzelner Parameter – zum Beispiel ein Cholesterinwert – wird herausgelöst aus dem Individuum Mensch und das Ansteigen oder Absinken des Wertes wird beurteilt als Reaktion auf ein Pharmakon, das biochemische Prozesse auslöst in einem biochemisch definierten Studienobjekt Mensch. Natürlich kann man das machen, und selbstverständlich erhält man dabei Ergebnisse, sogar reproduzierbare, denn auf der betrachteten Ebene dieses einen Parameters sind wir alle gleich, vergleichbar und behandelbar. Behandeln „ohne Ansehen der Person", dieses Versprechen, das wir alle an der Schwelle zum Arzttum abgeben, ist hier sehr wörtlich genommen.

 

Auf dieser Ebene kann man bis zu einem gewissen Grad sogar ungestraft so tun, als könnten Beobachter und Beobachtetes getrennt werden – ein wissenschaftstheoretischer Ansatz, der seit Heisenberg in vielen anderen Disziplinen schon längst als überholt verlassen wurde.

 

Man kann es deshalb noch relativ ungestraft tun, weil übereinkunftsgemäß und modellkonform von allem abstrahiert wurde, was lästiger Störfaktor der Beobachtung sein könnte.

 

Martin Heidegger hat in einem der bedeutendsten philosophischen Werke des 20.Jahrhunderts, in „Sein und Zeit" (1927) sinngemäß gesagt, dass das Niveau einer Wissenschaft sich daran misst, wie weit sie fähig ist, periodische Revisionen ihrer Grundbegriffe, die durch den Wandel des erkenntnistheoretischen Beziehungsrahmens notwendig werden, zuzulassen, ohne sich aufzulösen.

 

Schulmedizinische Wissenschaft hat das Dilemma der Komplexität des Individuums Mensch und ihrer Unfähigkeit sich innerhalb ihres Modells demgemäß zu revidieren dadurch gelöst, dass sie alles, wofür sie sich nicht zuständig fühlt, einer Spezialdisziplin zuteilt, die zu diesem Zweck erfunden wurde – der Psychosomatik.

 

Der Homöopathie zu Grunde liegt eine Erfahrung, die schon Hippokrates und Paracelsus kannten und nützten, nämlich - dass etwas heilen kann, das dem Krankheitsprozess ähnlich ist. „Ähnlichkeit" ist ein problematischer Begriff und hat zu tun mit dem Auge des Betrachters, der vergleicht und für ähnlich befindet.
Das Prinzip der Ähnlichkeit kann auf Ebenen verschiedener Tiefe angewendet werden.

 

Ein Tisch, ein Auto und ein Pferd sind einander insofern ähnlich, als alle drei vier Standbeine haben; (Mangialavori) eine Ähnlichkeitsebene, die homöopathischen Verordnungen entspricht, die einem bestimmten Symptom und nicht einer Person zugeordnet werden. Manchmal sind sie auch wirksam, insbesondere wenn es sich um akute Krankheiten handelt, die oft wenig mit der Individualität eines Menschen zu tun haben.

 

Chronische und immer wiederkehrende Krankheiten hingegen sind verbunden mit den Strategien und Mustern, mit der Dynamik eines Lebens. Die körperlichen Erscheinungen sind aus homöopathischer Sicht dann eine Form, wie sich ausdrückt, was sich „eingedrückt" hat. Der „informierte Leib" (Hilarion Petzold, Integrative Therapie) speichert all unsere Erfahrungen; sie zeigen sich auch in unserer Haltung, unserer Mimik, Gestik und in unseren Krankheiten, ohne dass uns dies bewusst ist. Wir können viel vergessen, unser Leib nicht.

 

Er ist der Speicher unserer Geschichte, aber nicht einer neutralen Biografie von Fakten, sondern immer schon von bewerteten Erlebnissen, so wie wir es damals erlebt und bewertet haben, so ist es abrufbar, und viele den Körper einbeziehende Psychotherapien tun dies mit Erfolg.

 

Der Anspruch nach dem Ähnlichkeitsprinzip auf dieser Ebene zu verordnen ist ein viel größerer. Hier geht es um Lebensthemen und nicht um eine Symptomenliste. Die passende homöopathische Arznei muss ein Analogon sein, eine „Metapher" zur Geschichte des Patienten. So wie gute Metaphern in der Psychotherapie die Kernelemente der Geschichte und Problematik eines Klienten erfassen und sie in eine ähnliche Geschichte einweben und damit wirksam werden, so sind gut gewählte homöopathische Arzneien wie energetische Metaphern aus einem riesigen Arsenal von Archetypen (mineralischen, pflanzlichen oder tierischen) – wirksam und heilsam jenseits der bewussten Einstellung des Patienten.

 

Das Denken in Analogien und Metaphern, das aus streng naturwissenschaftlicher Sicht lange Zeit belächelt worden war und bestenfalls als Ornament des Denkens galt, erhält in neuerer Zeit auch neue Würdigung. Der italienische Autor Cacciari verfasste 1991 eine Abhandlung mit dem Titel „die Theorie der Metapher" in der er fordert, die Metapher als essentielles Instrument des Denkens anzusehen, durch das die schwierigen Aspekte der Wirklichkeit mit ihren Grenzen an Darstellbarkeit überwunden werden können. (aus „Praxis" von M.Mangialavori, G. Marotta)

 

Schwierig ist es allemal, will man der Ganzheit eines Menschen gerecht werden. Das beste (homöopathische) Wissen bleibt oftmals stümperhaft angewendet, wenn der Therapeut sich selbst nicht kennt und in alter und veralteter Tradition meint, objektiv beobachten zu können statt sich seiner subjektiven Resonanz bewusst zu sein.

 

„Objektivität ist die Wahnvorstellung, Beobachtungen könnten ohne Beobachter gemacht werden. Die Berufung auf Objektivität ist die Verweigerung von Verantwortung – daher auch ihre Beliebtheit. Das Fundament der eigenen Urteile scheint dadurch außerhalb von mir zu liegen ...."

 

(„Vom Sein zum Tun" Maturana, Pörksen) 

 

Die beiden bekannten lateinamerikanischen Biologen und Neurophysiologen Humberto Maturana und Francisco Varela haben vor Jahren in ihrer Theorie der Autopoiese ein Instrument der Erkenntnis formuliert, das einer modernen Sicht der Homöopathie sehr entgegen kommt.

 

Sie wenden sich ab vom traditionellen Ansatz der biologischen Wissenschaften, der auf der immer feineren Unterscheidung einzelner, abgegrenzter Vorgänge beruhte und dazu führte, das Phänomen, auf das man sich bezog, nahezu auszulöschen; dem entgegen meinen sie, die grundlegende Charakteristik alles Lebendigen bestehe gerade darin, ein interagierendes System zu sein.

 

Jedes lebende System sei determiniert durch seine Struktur, das heißt, wir sind von außen prinzipiell nicht gezielt und beliebig beeinflussbar, sondern reagieren immer im Sinne der eigenen Struktur, umso deutlicher, je mehr ein Impuls unserer Struktur entspricht.

 

Auch wenn es scheint, dass langjährige Ehepartner einander wütend machen, machen sich jeder und jede jeweils selbst wütend – allerdings meist so vorhersagbar, dass es vom anderen verursacht scheint, während dieser lediglich das System, das er seit Jahren kennt, „mitsinnig angeregt" hat – was er sagt, löst etwas „Ähnliches" im Gegenüber aus, ein heikles Thema, ein „entsprechendes" Muster – und Unheil geschieht, auch dies auf der Basis des Ähnlichkeitsprinzips.

 

Nach diesem metaphorischen Exkurs in die Dysphorien vertrauter Beziehungsdynamik und als Abschluss meiner Überlegungen würde ich mir eine breite, interdisziplinäre Wissenschaftsdiskussion wünschen. Der aus geschäftspolitischem Kalkül (ein homöopathiefreundlicher WHO-Bericht stand unmittelbar bevor) motivierte und mit allen Mitteln medialer Vermarktung inszenierte Angriff auf die Homöopathie ist mir ein willkommener Anlass, das Evidente (evidence based medicine) und das nicht so Evidente wieder in den Rahmen und Kontext zurückzustellen, aus dem sie unbemerkt gefallen sind, damit interdisziplinär besprechbar werde, was, wem, wann, unter welchen Umständen und wodurch evident scheint.

Dr. med. Uta Santos-König
Individualisierte Allgemeinmedizin und Psychotherapie

Praxiszeiten: 

täglich (außer an Dienstagen)

von 9 Uhr bis 18 Uhr

 

Terminvereinbarung: 

+43 1 40 666 00

office@gz-am-hamerlingpark.at
 

Gesundheitszentrum am Hamerlingpark

Krotenthallergasse 3-5/1

1080 Wien

Gesundheitszentrum am Hamerlingpark